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Bokeh Fotografie

Bokeh – Was ist das und wie geht das?

Das Bokeh ist ein wichtiger Bestandteil in der Bildgestaltung. Denn nicht nur der Vordergrund zählt: Auch der Bild-Hintergrund nimmt entscheidenden Einfluss auf die Aussage eines Bildes. Doch was genau ist das Bokeh? Wie macht man das? Und was ist gutes Bokeh?

Bokeh – Was ist das?

Bokeh (unscharf, verschwommen) ist eigentlich ein noch relativ junger Begriff und stammt aus dem japanischen Sprachgebrauch. Die zugrunde liegende Thematik war jedoch schon vor dieser Wortschöpfung weltweit bekannt. Allerdings hörte diese auf einen eher nüchtern, technisch klingenden Namen: Depth of Field (DoF, dt. Schärfentiefe) beschreibt die Grenzbereiche, in der sich das Hauptmotiv scharf abbilden lässt.

Verlässt das Motiv diese Zone, betritt man den Unschärfebereich. Primär ist die Trennung von Vorder- und Hintergrund ein gestalterisches Mittel zur Steuerung des Blickes von Betrachtern einer Fotografie. Experimente mit der Stärke dieses Effektes gehören zum fotografischen Arbeitsalltag dazu.

Die Schärfeebene muss weit genug sein, um das Motiv ausreichend scharf abzubilden und wirken zu lassen. Dennoch soll zugleich bei beabsichtigter Freistellung eine markante Differenz zu hintergründigen Objekten bestehen. Zunächst klingt dies nach einer kurzfristigen und nicht tiefergehenden Spielerei. Doch einige Faktoren besitzen beträchtlichen Einfluss auf die Darstellungsart der Unschärfe. In manchen Situationen können wunderbare Unschärfekreise im Hintergrund entstehen.

Somit gilt unscharf nicht automatisch als unscharf – und schon gar nicht zwangsläufig ästhetisch gegenüber dem Motiv. Der Begriff Bokeh zielt also nicht direkt auf die eigentliche Trennung unterschiedlicher Schärfebereiche ab, sondern beschreibt vor allem die Anmutung dieses Effektes. Wirkt es nervös, sind Artefakte zu erkennen oder verziehen sich sogar die Lichtkreise? Fotografie erfordert also besonderes Augenmerk bezüglich des Bokehqualität.

Welches Objektiv und welche Einstellungen sind für ein schönes Bokeh notwendig?

Der Klassiker für effektstarke Bubble-Bokehs ist sicherlich das legendäre Trioplan 100 f 2.8 von Meyer Optik Görlitz, welches mit Hilfe von Adaptern auch an moderne Kameras adaptierbar ist. Erstmals 1916 vorgestellt, gibt es auf Grund der wieder gestiegenen Beliebtheit sogar eine moderne Neuauflage. Das legendäre Bokeh hat die Preise für dieses Objektiv am Gebrauchtmarkt explodieren lassen. Konnte man die Objektive vor einigen Jahren noch für 30 Euro bei eBay ersteigern, zahlt man heute entspannt bis zu 300 Euro.

Selbst meine persönlichen Geheimtipps, wie das Helios 44-2 oder Pancolar 1.8/50 mm, sind mittlerweile keine Geheimtipps mehr: Preise von 100 Euro sind keine Seltenheit.

Helios 44m

Aber abgesehen von solchem „Altglas“ können natürlich auch moderne Objektive ein angenehmes Bokeh erzeugen. Folgendes ist dabei zu berücksichtigen: In der Fotografie existiert eine Wechselwirkung zwischen Brennweite (z.B. 100 mm), der Blende sowie der Entfernung zum Motiv bei der Aufnahme.

Hohe Brennweiten erzeugen meist ein optisch schöneres Bokeh – warum ist das so? Bei gleichem Positionierung des Motivs rückt bei Telebrennweiten der Hintergrund näher auf. Visuell sehen Betrachter so deutlich weniger von der Umgebung. Der verkleinerte Abschnitt wird dafür stark gestreckt dargestellt. Dieser Effekt führt auch zu einer Vergrößerung von Lichtkreisen, obwohl die eigentliche Schärfenebene sich nicht zwangsläufig verändert hat.

Wer also ein besonders weiches Bokeh erzielen möchte, sollte Brennweiten klar jenseits der 50mm in Betracht ziehen. Der relative Abstand zwischen Fotograf, Motiv und Hintergrund wirkt sich ebenso stark aus. Eine Simulation mit dem Finger vor den eigenen Augen verdeutlicht dies: Nahe am Auge verschwimmt der Hintergrund sehr stark. Wird dieser langsam weggeführt, nimmt die Schärfe in der Distanz gleichzeitig zu.

Zu guter Letzt kommt der Faktor Lichtstärke und die maximale Blendenöffnung hinzu. Ein Objektiv mit niedriger Blendenzahl (f/1.8) besitzt eine sehr große Offenblende. Durch das weit geöffnete Loch fällt mehr Licht ein. Gleichzeitig führt dies zu einer massiven Kompression der Schärfenebene.

Das Bokeh nimmt an Geschmeidigkeit gegenüber kleineren Blenden wie f/4 zu und Lichtkreise im Hinter- oder Vordergrund wachsen spürbar an. Allerdings führt der hohe Lichtanteil zu einem für Anfänger möglicherweise ungewohnten Problem: Die Belichtungszeit kann bei hellem Tageslicht mit Sonnenschein bei f/1.4 rasch über die 1/10000s gehen.

Viele Kamerasysteme benötigen daher einen Graufilter, einer Art Sonnenbrille für Objektive, um den hohen Lichteinfall wieder zu kompensieren. Ansonsten droht ein weißes, überbelichtetes und ausgebranntes Bild. Der niedrigste, native ISO-Wert der Kamera bietet die beste Grundlage zum Arbeiten mit der Hintergrundunschärfe. Für klarere Konturen an den Lichtkreisen empfiehlt sich die Wahl einer kleineren Blende.

Bei selbstgemachten DIY-Blendenschablonen ist dies sogar notwendig, ansonsten kommt die Silhouette der manipulierten Bokehkugeln nicht richtig zur Geltung. Allerdings funktioniert dieses Prinzip nur bei sehr nahen Motiven mit weiter entferntem Hintergrund. Reine Kopfporträts oder Aufnahmen von kleineren Objekten eigenen sich dafür recht gut. Wem die Offenblende von Festbrennweiten nicht genügt, der kann sich eines Tricks des Fotografen Ryan Brenizer bedienen. Eine Mehrfachaufnahme mit versetzen Bildausschnitten aus nächster Nähe kann durch Bildbearbeitungsprogrammen wie Adobe Lightroom wie ein Panorama zu einem kompletten Bild verschmelzen. Dadurch entsteht der Eindruck eines weiteren Winkels, das Bokeh bleibt aber durch die relative Nähe zum Motiv extrem weich und zart. Diese Methode erfordert allerdings etwas Geduld und Übung und ist nur für ruhende Motive und Stillleben geeignet.

Gutes oder schlechtes Bokeh?

Gutes Bokeh

Die Diskussion über ein ansehnliches Bokeh verläuft häufig sehr subjektiv. Tatsächlich ist es in vielen Fällen der Bildstimmung und den persönlichen Präferenzen des Fotografen geschuldet, ob der Effekt akzeptabel, großartig oder einfach nur katastrophal erscheint.

Da derlei Glaubenskriege meist wenig Substanz und Orientierungspunkte für Anfänger bieten, ist eine kleine Erläuterung typischer Schwachstellen hilfreich zur Beurteilung der ästhetischen Qualität von unscharfen Bildbereichen.

Anhand von Lichtquellen in Dunkelheit lassen sich aufgrund des hohen Kontrastes zur Umgebung besonders gut die visuellen Eigenarten festhalten. In unscharfen Bildbereichen entstehen dann Lichtkreise, die manchmal auch als Bokehbälle oder Seifenblasen-Bokeh bezeichnet werden.

Je größer die Entfernung zur Schärfenebene, desto größer fallen diese Kugeln aus. Praktisch lassen sich diese Beobachtungen auf kontrastärmere Bildbereiche übertragen. Der Teufel steckt dabei im Detail. Wie sollte es auch anders sein, besitzt das Objektiv einen maßgeblichen Einfluss auf die Darstellung des Bokehs. Experimentieren und Erfahrungsberichte helfen bei der Bildung einer persönlichen Meinung.

Manche Gläser neigen zu sogenannten Zwiebelringen im Bokeh. Die Lichtkreise bleiben nicht homogen in ihrer Helligkeit, sondern erinnern wegen sichtbarer Rillen an den Querschnitt einer Zwiebel oder eines Baumstammes. Manche Fotografen stören sich an der schmutzigen Präsentation solcher Kreise.

Besonders günstige Zoom-Objektive neigen zu einer qualitativ eher mäßigen Darstellung. Aber auch die kompromisslose Forcierung der Abbildungsleistung in Sachen Schärfe kann Hintergründen ihre wichtigste Charakteristik streitig machen: angenehme Ruhe und märchenhafte Weichzeichnung.

Bokehbälle behalten oft nur im Bildzentrum ihre kreisrunde Form bei. Zum Rand hin werden sie abhängig von der optischen Konstruktion schmaler und erinnern häufig an Katzenaugen. In seltenen Fällen nimmt die Transformation sehr unästhetische Ausmaße an. Den Lackmustest von Objektiven in dieser Beziehung stellt die Gegenlichtaufnahme bei einem Hintergrund mit hohen Kontrasten dar. Ein recht einfaches und effektives Szenario ist eine Baumreihe mit wirren, dunklen Blättern mit grellem Himmel.

Der ständige Wechsel zwischen Helligkeit und Farbe macht Schwachstellen im Bokeh rasch sichtbar. Aber auch weniger provokante Kompositionen können bei schlecht auskorrigierten Linsen Probleme verursachen. Kritisch bleiben immer extreme Kontraste, Reflexionen und viele dünne Objekte wie Grashalme oder Geäst. Wer bei Aufnahmen das Motiv von solchen potenzielle Störquellen fernhält, kann auch mit einem für Darstellungsfehler anfälligen Objektiv ein noch attraktives Bokeh hervorzaubern.

Bokeh in der Bildgestaltung

Bokeh weich

Bläuling vor weichem Hintergrund

Wichtig zu wissen: Ein Bokeh muss nicht immer extreme Lichteffekte in Form der abgefahrenen Seifenblasen-Kringel aufweisen. Auch ein weiches, unauffälliges Bokeh kann die Bildgestaltung unterstützen, so wie bei der Aufnahme mit diesem Bläuling.

Da der Bildhintergrund in der Fotografie aber immer eine wichtige Bedeutung hat, ist damit automatisch auch das Bokeh immer eingeschlossen in der Bildgestaltung.

Du kannst mit dem Bokeh arbeiten, indem du z.B. versuchst mit den Strukturen, die das Bokeh erzeugt, dein Hauptmotiv einzurahmen.

Bei dem folgenden Bild grenzt die dunkle Welle im Bildhintergrund das Bild nach oben ab, der Seeregenpfeifer ist bewusst in den hellen Bildbereich platziert. Würde z.B. die dunkle Welle sich direkt im Hintergrund des Seeregenpfeifers befinden, wäre dies eher ein störendes Element.

Wie entstehen die Lichtkreise und welche Arten von Bokeh gibt es?

Offene Blenden an Objektiven erzeugen das geringste DoF (Depth of Field) und provozieren am häufigsten das optische Phänomen der Lichtkreise. Aber auch abgeblendet ist je nach Distanz zum Motiv ein ausgeprägtes Bokeh möglich.

Allerdings führt dies gleichzeitig zu einem besonderen Effekt, da die Silhouette der Blende sich beim Schließen verändert und kantiger wird. Dementsprechend verlieren Lichtkreise ihre perfekte, gebogene Form und präsentieren sich entsprechend ihrer Anzahl an Blendlamellen als leuchtendes Vieleck.

Diese Eigenart lässt sich wunderbar ausnutzen, um spezielle Effekte mithilfe von Schablonen zu erzeugen. So ist es möglich, mit DIY-Mustern eine Art selbstgebastelte Blende vor der Linse zu montieren. Pappe genügt als Grundmaterial – es existieren aber auch im Handel erhältliche Schraubfilter zu diesem Anlass. Im Zentrum befindet sich ein gestanztes oder geschnittenes Loch.

Herz Bokeh

Dessen Silhouette gibt nun die Grundform der Out-of-Focus-Bereiche vor. So entstehen anstelle von kreisrunden Lichtern glühende Herzen, strahlende Sterne oder festliche Tannenbäume. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind vielfältig und lassen Kreativen viel Spielraum. Zweifelhaften Ruhm erlangte das Bokeh von Spiegelobjektiven, die konstruktionsbedingt in der Mitte des Objektivs eine Aussparung für einen Spiegel besitzen.

Der Vorteil: Sie sind für ihre enorme Brennweite extrem kompakt, günstig und leicht. Allerdings besitzen Anwender keine Kontrolle über die Blendenöffnung. Sie bleibt fix vorgegeben. Zudem erzeugt die Aussparung für den Spiegel ein Loch im Zentrum von Lichtkreisen. Aus diesem Grund nennen sie einige Fotografen auch Donatringe, die einen unverwechselbaren und weniger universalen Stil besitzen. Letztendlich bleibt es eine künstlerische Entscheidung, wie stark die Zerstreuung des Lichtes ausfallen soll.

Ein gemäßigtes Bokeh erlaubt Zusammenhänge zwischen Motiv und Hintergrund zu erkennen. Märchenhaft verschwommene Areale wirken dagegen surreal und lassen abgelichtete Personen und Objekte in einen regelrechten Nebelschleier eintauchen.

[Gesamt:1    Durchschnitt: 5/5]
2 Kommentare
  • Patrick Illhardt
    Posted at 07:33h, 19 Juli Antworten

    Hallo Bernd,

    Du hast das aber auch sehr, sehr gut beschrieben.

    LG Patrick

    • Bernd Kleinschrod
      Posted at 11:23h, 19 Juli

      Danke dir 🙂

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